b.entropy.at 

kandinsky

April 21, 2013 | fiction | Permalink

Ich bin blau und hinter Gittern
obwohl es keinen Käfig gibt.
Über mir die Sonne
wie ein gelber Lollipop
um den sich alles dreht.
Dahinter dann das Chaos
aus dem beständig was entsteht.

Und all die bunten Wege
die ich hin und wieder gehe
führen in die weiße Leere.
Und ich träum, dass es dahinter
noch etwas Rotes gibt.
Und dass das Rote sich
in mich verliebt.

halbe sachen

April 2, 2013 | fieldnotes on reality | Permalink

Es beginnt in der Wiener U-Bahn, in der sich ein älterer Mann mit Brille und Bäuchlein an zwei jungen Frauen im Eingangsbereich vorbeidrängt und diese dabei unsanft anstößt. „Hey.“ sagt die eine. „Ja, was stehtsn da!“ „Sie können ja was sagen.“ „Gsindl.“ ruft der Mann. „Arschloch“ beginnt eine ältere Frau mit losem Kopftuch zu schimpfen, die dazugehört oder vielleicht auch nicht. „Entschuldigung, dürfte ich vorbei“ sagt der Mann nun höflich zu mir, die ich mit Rucksack und Trolley in der Mitte des Ganges stehe und zurückweiche. Er setzt sich auf einen freien Platz. Dann beginnt er auf „die da“ zu schimpfen, auf dieses „Pack“ und dass es ja kein Wunder sei, dass „euch keiner mag.“ Ich weiß nicht, wie er das meint, aber es klingt ausländerfeindlich. Niemand antwortet ihm, weder zustimmend noch zurechtweisend und auch mir kommen unausgeschlafen wie ich bin nur sehr langsam mögliche Worte. „Was würden Sie eigentlich zu mir sagen, wenn Sie mich anrempeln und ich Sie beschimpfen würde?“ möchte ich sagen, doch da ist der Mann schon ausgestiegen. Ich mag es weder, wenn Leute in der Tür stehen, noch wenn sie mich unsanft zur Seite schieben und an Tagen wie diesen, an denen der lange trübe Winter niemals ein Ende zu finden scheint, möchte ich auch manchmal losschimpfen. Auf die, die da stehen. Die mir da im Weg stehen. Die mich anrempeln. Die mich deppert anschauen. Die mich nicht anschauen. Und so weiter. Aber ich bin viel zu gut erzogen und außerdem selbst halbe Deutsche.

Das höre ich jedenfalls meistens, wenn ich aus irgendeinem Grund erwähne, dass man Vater Deutscher ist. Wenn ich es nicht erwähne, dann kommt niemand auf die Idee, schließlich ist mein Vater ja beispielsweise nicht Türke und meine Haut nicht dunkel. Wer mich kennt, weiß, dass die Sache nicht so einfach ist, aber wer auch nur irgendjemanden kennt, weiß, dass die Sache niemals so einfach ist. Wenn ich genauer nachfrage, was denn an mir (halb) so deutsch sei, dann kommen mehr oder weniger zaghafte Antworten in Richtung meiner Gene. (!) Die guten Gene habe ich jedenfalls hoffentlich von meiner über 90-jährigen deutschen Großmutter geerbt, die ich wieder einmal sehen muss.

Ich fliege also im grauslichsten Osterwetter nach Deutschland, wo ich mich zugegebenermaßen kaum auskenne, im Unterschied zu meinem Vater bin ich nämlich eine Niete in Geographie wie im übrigen auch in jeglichen Formen der Mathematik und in weiten Teil der Ökonomie, Technik und Geschichte. Zumindest kommt mir das manchmal so vor. Nichts davon scheint mir mit meinen halben deutschen väterlichen Gene mitgeliefert worden zu sein.

Mit der Geburt mitgeliefert scheint nur, dass man seinen Eltern, wie alt man auch ist und wie wenig man sich auch kennt, doch immer ein wenig mehr gefallen will, dass man sich nach ihrem Zuspruch, ihrer Anerkennung um nicht zu sagen nach ihrer Liebe sehnt und versucht sich so zu verhalten, dass man diese bekommt. Wenn man auch weiß, dass das ziemlicher Quatsch ist und dass sich die Dinge in Wahrheit längst verschoben haben.

Ich lese Roland Barthes und suche den Mittelpunkt des Labyrinths, wenn es sich dabei auch nur um einen Ort vorgetäuschter Erfüllung handeln kann. Ich besuche meine Mitbewohnerin aus dem sehr fernen Osten, kleine malerische Städchen im Elsaß und endlich auch mal Freiburg, wo es zu kalt zum Rad fahren ist und wir statt ins Tanztheater ins Noiserockkonzert gehen. Ostern verbringe ich mit meinem Vater, einem kleinen Mann, der immer hart gearbeitet und es in seinem Leben sehr weit gebracht hat. Obwohl er in seinem Leben sicherlich selbst mit einigen Vorurteilen konfrontiert war – man könnte ja auf die Idee kommen, er hätte keine Familie mit meiner Mutter haben wollen – hat er selbst gar nicht so wenige, aber vermutlich ist das ganz normal.

Wie ich das finde, dass die meisten Verbrecher in Österreich aus Rumänien und Bulgarien kommen, fragt mich jemand bei der Familienfeier. In Deutschland sei das ja nicht anders, aber die deutschen Medien würden das eben nicht gleich dazuschreiben.  Zum Glück scheint er nicht tatsächlich eine Antwort von mir zu erwarten, denn wie so oft fehlen mir die Worte. Ich bin nur eine Zuschauern, ein Zaungast, eine Außerirdische hier wie dort, eine Ethnologin, eine Beobachterin und eine Schriftstellerin, im besten Fall.

Ein paar Stunden später scheinen die Worte aus meiner Nase rauskommen zu wollen, sie rinnen hervor gemeinsam mit diffusen Gedanken und meiner unterdrückten Sexualität,  die Nasennebenhöhlen schwellen an und leuchten rot wie die Ostereier, mein Gesicht pulsiert und meine Lippen sind dunkelrot und prall. Ich kenne das schon, ich bin empfindlich auf die trockene Luft und den Zug von Klimanalagen und Heizungen, auf diverse Formen von Alkohol, Ignoranz und negative Emotionen und irgendwo muss auch bei mir mal alles raus. Ich schaffe es nicht, auf irgendwelche Dinge zu schimpfen oder meine Mitmenschen wegen Kleinigkeiten anzufahren. Jeder hat so seine Ventile.

Mein Ventil ist allzu oft zu verstopft, weswegen ich das Essen im besten und teuersten Bamberger Restaurant nur zur Hälfte genießen kann. Ich mag das feine Ambiente der gehobenen Gastronomie, ich liebe die schicken feudalen Hotels, sowie ich auf abgefuckte Kneipen stehe und manchmal auf den letzten Trash. Es macht mir auch nicht viel aus, noch eine Nacht im Hotel in München zu verbringen, da der Flug nach Wien aus technischen Gründen gecancelled werden musste. Ich hatte mir sogar gewünscht, nicht alleine nachts in Wien nachhause fahren zu müssen. Was mich ein wenig deprimiert sind die Gesichter der Menschen, die wenn sie nicht gerade in ihr Smart oder i-phone fallen, ernst, schal und grau vor sich hin starren, jeder für sich. Kaum jemand traut sich zu lächeln oder sonst irgendwie zu kommunizieren. Ich selbst bin auch ziemlich müde, habe wohl leichtes Fieber und beschließe mal den Tipp mit dem lauwarmen Bier auszuprobieren, während ich darauf warte, dass die hundert Leute vor mir ihr Zimmer bekommen.

Lauwarmes Bier vor dem Schlafengehen soll gegen Verkühlungen helfen und tatsächlich ist meine Nase in der Früh nicht mehr so rot, als ich mit einem Haufen gestresst wirkender Leute mit der ersten Maschine nach Wien fliege. In der Straßenbahn regt sich ein Mann aus unerfindlichen Gründen darüber auf, dass ich mit so viel Gepäck einsteige. Vielleicht sieht er mir ja an, dass ich halbe Deutsche bin?

so weit so gut

March 24, 2013 | fieldnotes on reality | Permalink

Es ist das Jahr der 30er-Feiern, kaum habe ich mich von einer erholt, folgt die nächste. Das Alter, in dem man manchmal noch so feiern will wie früher, es aber meistens nicht mehr so gut verkraftet. Das Alter, in dem man zwar noch immer die gleichen Probleme hat wie eh und je, sie aber immer besser verkraftet. Man ist fast schon bereit, Nachkommen zu zeugen, die Probleme weiterzugeben und sich zu arrangieren, so gut es eben geht. Eigentlich hat man sich schon längst arrangiert.

Die kurze Begegnung mit mir hätte ihn bereichert und im positiven Sinne zum Nachdenken angeregt, meinte der Mann, den ich nach einer kurzen Begegnung in den Wind schicke. Ja, es gibt auch Männer, die ICH nach einer kurzen Begegnung in den Wind schicke, wo ich erst gar nicht darauf warte, dass sie Angst bekommen und von selbst davon laufen. Ich sei für mein Alter so unglaublich weit, viel weiter als es die meisten wohl im Laufe ihres gesamten Lebens sein werden und der Weg, den ich gehe, sei bewunderswert. Und ob es mich nicht mit Freude erfüllt, wenn ich mit anderen Leuten rede, die sich ebenso auf dem Weg der Selbstsuche befinden, wenn ich ihre Gedanken höre und sie mir ihre Irrwege schildern, ob ich mich dann nicht freue, dass ich schon so viel weiter bin. Es wäre gelogen zu sagen, dass es nicht Phasen in meinem Leben gegeben hätte, in denen ich nicht eine gewisse narzisstische Befriedigung über dergleichen empfunden hätte. Vermutlich wäre es auch gelogen zu sagen, dass ich vollkommen davor gefeit bin, mich verführen und benutzen zu lassen als Mistkübel und Gratis-Therapeutin für einige der verlorenen Seelen, die da draußen herumschwirren wie Insekten ums Licht. „Aber nein, es deprimiert mich zu sehen, dass so viele anderen ihr Leben noch viel weniger auf der Reihe haben als ich selbst.“ rufe ich und gestikuliere dabei wild mit meinen Händen. Zu wild, offenbar. Jedenfalls nimmt er meine Hände und hält sie fest. Ich bin irritiert und spüre nichts, rein gar nichts. Keine Energie fließt von ihm zu mir, alles bleibt auf einer rein intellektuellen Ebene, die mich rein gar nicht interessiert. Kalt wie ein Fisch. Kein Leben. Keine spürbaren Gefühle. Und keine Ahnung von sich und noch weniger von mir. Ich nehme meine wilden Hände und gehe. Nur weil ich meine Probleme und Gefühle nicht jedem Dahergelaufenen erzähle und eventuelle Panikattacken, Depressionen, hysterischen Anfälle und dergleichen so weit unter Kontrolle habe, dass man sie nicht mal als solche bezeichnen kann und mich das reden darüber selbst schon langweilt, heißt das nicht, dass ich so wahnsinnig weit bin. Oder heißt es das doch?

Das noch ein wenige ältere Publikum im Rabenhoftheater lacht, wenn Doris Knecht über die Scheiß-Schein-Bobo-heile Welt herzieht und ich lache auch. Über mich selbst und über die Bedeutungslosigkeit.  Man müsste die Bedeutungslosigkeit in Leichtigkeit verwandeln und die Leidenschaften in Gefühle, den Schmerz in Empathie, die Gier in Tatkraft, die Angst in Achtsamkeit, die depressiven Verstimmungen in bewusste Entspannung, und die starken Triebe zusammen mit den ganzen hochtrabenden intellektuellen Analysen in konstruktive Projekte. Die konstruktiven Projekte in Geld und das Geld in Revolution. Und das dann auch noch als ganz normal ansehen und gleichzeitig als außerordentlich großartig. Dann könnte man wirklich zufrieden sein darüber, wie weit man es gebracht hat. Ja, ich habe wirklich alles sooooowas von durchblickt ;-)

what’s next?

Wie wir nicht leben wollen

February 10, 2013 | fieldnotes on reality | Permalink

Vor einigen Monaten hörte ich auf einer Party zu später Stunde einige Lieder, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der Band Tocotronic hatten, die ich früher ziemlich gern und oft gehört hatte. „Ist das Tocotronic? Haben die etwa ein neues Album?“ Noch nicht, aber durch einen speziellen DJ kamen wir jetzt schon in den Genuss. Wobei ich mich fragte, ob es an mir lag oder an Tocotronic oder generell am Alter und der fortgeschrittenen Stunde, dass ich es nicht besonders prickelnd fand. Eigentlich sagte einem die pure Vernunft, dass man nach drei Uhr früh nur mehr wirklich fetzige Musik auflegen sollte, wenn man über 30-Jährige zum Tanzen bringen oder zumindest wach halten möchte. Aber pure Vernunft wird niemals siegen, schon gar nicht im Kontext von Sex, Drugs & Rock’n’Roll.

- was folgt ist keine Album- oder Konzertkritik -

Und so sage ich ja, als mich Monate später ein alter Bekannter fragt, ob ich Karten für das Tocotronic – Konzert im Wiener Burgtheater haben möchte. Selbiges war angeblich eine Stunde nach Verkaufsbeginn ausverkauft, schließlich handelt es sich bei Tocotronic um eine sogenannte Kultband und die ständigen Ankündigungen im Radio, von denen bei mir vor allem die Worte „einziges Konzert“ hängen geblieben waren (tatsächlich handelt es sich um das einzige Konzert Tocotronics im Burgtheater, na sowas! ), hatten auch in lasch gewordenen Musik- und Tocotronic Fans wie mir den leisen Wunsch gehegt, dabeizusein.

Wünsche erfüllen sich immer wieder, wenn man es wirklich will, habe ich gelernt und so sage ich also ja, lasse alles andere stehen und liegen und fahre ins Burgtheater. Zu meinem Glück begleitet mich meine Freundin special k.

Und dort stehen sie, die Tocotronic Fans, noch immer eindeutig als solche erkennbar. Da stehen sie, meine ehemaligen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, meine alten Bekannten und Freunde, die Lieben meiner Jugend, da trifft man seine tatsächlichen und potentiellen Ex-Freunde und ehemaligen Liebhaber und fühlt sich für einen kurzen Moment zurückversetzt in die Zeit, als man sich Gedanken darüber machte, was die Leute über einen dachten und es gar nicht so einfach war eine Konversation zu führen.

( Mein Exfreund geht vorüber, als ich gerade mit dem Typen rede, der ihm nachgefolgt ist. Wir nicken uns nur zu.  „Dein Ex, redet ihr gar nicht mehr miteinander?“ fragt mich der damalige Nachfolger. „Nein, eigentlich nicht.“ – „Aber ihr habt euch doch gut miteinander verstanden.“ – „Ja, damals schon.“ )

Man fühlt sich zurückversetzt in die Zeit als all diese Dinge noch so verdammt wichtig waren, als man so viel fühlte und so wenig davon ausdrücken konnte und es daher gerne einer Band wie Tocotronic überließ.  Im Blick zurück entstehen die Dinge…

Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie mit Anfang zwanzig zwischen all den Jungs mit ihren großen sehnsüchtigen Augen, sehnsüchtig und verloren sehen sie aus und darauf bedacht, es nicht allzu offensichtlich zu zeigen. Zum Glück geht mich das mittlerweile nichts mehr an, fühle ich mich dafür mittlerweile nicht mehr zuständig und schon gar nicht mehr davon angezogen, sind das Dinge, deren Dringlichkeit mir in der letzten Zeit mehr als fragwürdig erscheint.

Ich navigiere durch das Meer der tocotronic boys und girls, zu dem Mann, der uns unsere Karten zu einem außerordentlich hohen Preis verkauft. Aber darüber darf man nicht nachdenken, wenn man die Entscheidung dabeizusein bereits getroffen hat. Dafür bekommt man auch einen Platz in der Loge der Galerie des Burgtheaters und kann sich mit freiem Blick auf die Bühne und das Publikum erheben und ein bisschen mit den Hüften wippen und mit den Füßen tänzeln und mit den Armen schwingen und den Kopf bangen und sogar mehr oder weniger laut mitsingen, sofern man den Text noch weiß. Dazwischen kann man sich fragen, was die Faszination dieser Band eigentlich ausmacht oder wie es gewissen anderen Leuten im Publikum bei einem Lied wie Ich will nüchtern für dich bleiben gehen mag.

Ich will nüchtern für dich sein
Um Dämonen zu vertreiben
Will ich für dich nüchtern bleiben
Ich will mich für dich reparieren
Meine Heilung inszenieren
Meine Spleen clean erleben
Ich will high sein und doch auf dem Boden kleben.

Kannst du mich nicht fallen sehen?
Kannst du mich nicht fallen sehen?
Kannst du mich nicht fallen sehen?
Kannst du mir verzeihen?

singt Dirk von L. und schwingt seine Gitarre und ich werde ein bisschen wehmütig, weil ich immer ein bisschen wehmütig werde, wenn schöne Männer ihre Gitarren schwingen und vor allem weil das Märchen der Rettung einer verlorenen Seele durch oder für einen anderen nur ein Märchen ist, weil niemals jemand nüchtern geblieben war für mich, weil niemand es jemals auch nur gewollte hatte. Ich habe euch fallen sehen, fallen sehen, fallen sehen, das auf jeden Fall und ja, ich verzeihe euch, aber ihr seid allein, ich bin raus und ich bin mehr als stolz darauf.

Ich tanze nüchtern, mit meiner special k im Burgtheater in der Loge während die meisten der Toco boys and girls brav auf ihren Stühlen sitzen und höchstens ein bisschen mit den Füßen und Händen wippen und das Geschehen auf der Bühne mit ihren iPhones aufnehmen. Vollkommen nüchtern gerate ich bei den getragenen Gitarrenriffs und dem monotonen Gesang in eine Art Trance und mit den alten und neuen Hymnen der verlorenen Jugend in eine Art High. Diese Männer auf der Bühne, die aussehen, als wären sie für immer zwanzig, dieses Jungenhafte, niemals Erwachsene, das dezente aber unübersehbare Pathos, die leidenschaftliche Selbstinszenierung, all das mag ich, ja, aber hier leben? In der Welt des ewigen Konjunktivs, der nie endenden und zu keinem nennenswerten Punkt kommenden Schachtelsätze, der Redundanz, der Monotonie, der ewigen Suche, des Zweifels, der nie eingelösten und irgendwann aufgegebenen Hoffnungen, der nie umgesetzten Ideen, der Niedergeschlagenheit, der Resignation, der Depression als normalem Gemütszustand, des gemeinsam zelebrierten Nihilismus als Beziehungsform?

Äääh, nein danke.

Dennoch, let there be rock, immer wieder mal gerne.

Rockmusik macht mich immer noch high und ich frage mich, ob ich vor die Bühne gelaufen wäre, wenn ich unten gesessen wäre. Das kann man nämlich leicht von sich behaupten, wenn man im Schutz der Loge abtanzt. Und es ist auch nicht besonders schwer beispielsweise bei einem Tribute to Queen in der Stadthalle, wo ein Großteil der Leute der Aufforderung zum Aufstehen und Tanzen folgte. Freddy Mercury ist zwar tot, aber seine Musik, sein Imitator und seine Fans sind um einiges lebendiger als das Publikum im Burgtheater. Erst als es um die Zugabe geht, wachen und stehen sie auf, klatschen, johlen und pfeifen und ich johle auch so laut ich kann und tanze noch ein wenig und freue mich und nachdem alles vorbei ist, gibt es auch noch Freibier und DJs im Burgtheater und Menschen, mit denen man so leicht ins Gespräch kommen kann, wie man es früher niemals für möglich gehalten hätte.

Denn früher hatte man gewartet, bis die toco boys, die trotz all ihrer Coolness offensichtlich an einem interessiert sind, ihre hübschen Münder aufmachen und war selbst zu cool und schüchtern um es zu tun. „Und wie hats euch gefallen? Und welche Musik hörst du sonst so? Und wo geht ihr sonst so aus? Und was macht ihr sonst so?“ Erinnert mich irgendwie an meine sehr frühe Jugend, wo man außer dem Besuch von Rockkonzerten sonst nicht so viel machte. (Der Unterschied zu den Konversationen im Rahmen meiner derzeitigen Recherchetätigkeit liegt übrigens lediglich im Wörtchen „sonst“.)

Was ich sonst so mache, ist wieder eine andere Geschichte, aber es finden sich sicherlich auch heute noch ein paar Zeilen von Tocotronic, die das ganz gut ausdrücken. Immerhin wurden die Zeilen und Reime immer diffuser, metaphorischer und können somit alles bedeuten. Alles und nichts.

Meinetwegen kann alles hier in Flammen stehen.

Als ich einige Tage später im Thermalbecken liege, auf einem sprudelnden mich massierenden Wasserbett und in den dunklen Sternenhimmel blicke, aus dem sich weiße Schneeflocken ergießen und der Wind den aufsteigenden Wasserdampf mal in die eine und mal in die andere Richtung verweht und ich mir alles wünschen und nichts erwarten kann, fühle ich mich wahrlich reich beschenkt und glücklich wie nie zu vor und ich bin froh darüber, dass ich nicht mehr in Seattle bin und ja, ich habe sogar das Gefühl, dass die Welt endlich bereit ist. Und als ich auf der Autobahn in das graue Wien zurückkehre, kann ich die Leiden des jungen Dirk zwar verstehen – schließlich habe ich mir als Jugendliche auch gewünscht, ich würde mich für Tennis interessieren und es einfach nicht geschafft und dafür alles gehasst, – aber ich komme nicht umhin, mittlerweile herzhaft über das alles zu  lachen.

Zu lachen über Dirk, der sagt, er wollte eigentlich Schauspieler in Graz werden und über meine blühende Fantasie, die ihn als Grazer Schauspieler mit meinen theateraffinen Grazer Freundinnen verkuppelt. Über mich selbst, wie ich ihn vor langer lange Zeit, als er riesengroß im Hof der Wiener Arena vor mir stand, darum bat, am darauffolgenden Tag beim Konzert in Graz einer Freundin alles Gute zum Geburtstag zu wünschen und über meine Aufregung, als mir Jans Schweiß bei einem Konzert ins Auge spritze. Über meine männlichen Tocotronic Freunde, die ihre Nasen über mein uncooles Fantum rümpften und über die Tocotronic Feinde, die ihre Nasen über alle Tocotronic Fans rümpften. Darüber, wie meine Mutter schon immer über Tocotronic sagte “so ein fades Gsangl” oder darüber, wie special k die Stimmung zusammenfasst “Servas, griaß di, geh ham und daschiaß di.”

Nein, wir erschießen uns nicht, wir resignieren nicht, wir werden erwachsen und lachen. Und wenn wir lachen, dann geht die Sonne auf. Eine reicht. Und wenn wir uns sehen, dann kann und wird die Welt manchmal durchaus in Flammen stehen.

… in Flammen, in Flammen, in Flammen, in Flammen …..

 

on writing this blog

February 3, 2013 | fieldnotes on reality | Permalink

Es ist ziemlich leicht einen Blog zu schreiben, wenn man sich als Österreicherin zum Beispiel in China befindet und seinen Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern mitteilen will, wie es einem in der Ferne ergeht. Man ist weit weit weg und wird vermisst. Man ist allein allein allein und ständig befremdet. Man macht neue Erfahrungen und wenn man nur halbwegs gern schreibt, dann ist es ein Leichtes, die Erfahrungen, Gedanken und offenen Fragen in nette Worte zu packen und runterzutippen.

Es ist eine andere Sache, wenn man sich als Österreicherin in Österreich befindet, als Wahlwienerin in Wien und die meisten Freunde, Bekannte und Familienmitglieder sich halbwegs in der Nähe befinden, jedenfalls nah genug um hin und wieder zu telefonieren, E-Mails auszutauschen und ja, sich von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Man ist da, lebt sein Leben. Man ist ständig unter Leuten und hat so seine Gewohnheiten, die man perfektioniert oder gegen die man ankämpft, je nachdem. Auch wenn man jeden Tag hundert neue Erfahrungen sammelt und Millionen von Gedanken in seinem Kopf hat, so möchte man doch nicht jeden Scheiß auf Facebook posten, wenn es auch irgendwie verführerisch ist. Verführerisch das Bedürfnis sich mitzuteilen. Wir alle wollen uns mehr oder weniger mitteilen, teilen, was wir denken, erleben und fühlen und natürlich könnte ich auch auf Facebook oder auf meinem Blog oder auf Twitter oder in einem wöchentlichen Rundmail oder weiß der Teufel wie, meine täglichen Erfahrungen und Gedanken und einen Teil meiner Gefühle teilen. Mitteilen an die breite Öffentlichkeit meiner Freunde, Bekannten und Familienmitglieder und ein jeder und eine jede könnte darauf nach persönlichem Interesse und Zeitkapazitäten reagieren, es wäre quasi eine Basis für eine Beziehung mit mir – b basics – und wer die grundlegenden Informationen nicht gelesen hätte, mit dem würde ich mich gar nicht erst weiter unterhalten. Hab ich eh auf Facebook gepostet. Lies halt meinen Blog. Ich schreib dir dann ein E-Mail.

Die Kunst besteht nur darin, so viel zu enthüllen, dass jemand, der mich nicht kennt, einen ungefähren Eindruck bekommt, was so abgeht und diejenigen, die mich genau kennen, wissen was schon wieder läuft. Und das alles natürlich nur für diejenigen, die es interessiert. Schließlich ist es ja gratis und frei verfügbar und gesamtgesellschaftlich bzw. in jeder überindividuellen Hinsicht gesehen komplett irrelevant. Und wenn man sich als Urheberin desselben dessen bewusst ist, daher schon eine Spur schwieriger.

Es ist noch einmal eine andere Sache, aus einem gewissen Teil der Dinge, die man im Laufe seines Lebens so erlebt hat, oder die einen in irgendeiner Form interessieren und faszinieren, ein Projekt zu machen, sei es ein wissenschaftliches wie zum Beispiel eine Dissertation, oder ein wirtschaftliches, wie zum Beispiel eine Firma, oder ein aktivistisches, wie zum Beispiel einen Verein, oder ein künstlerisches, wie zum Beispiel einen Roman. Wenn man auf einer dieser Ebenen ein Projekt startet, dann bietet es sich wiederum an, darüber zu bloggen, zu twittern oder sich einen guten Facebook Auftritt zu überlegen, oder weiß der Teufel was, auf jeden Fall online muss es sein, denn nur was online ist, ist wirklich.

Nein, Crossmedia. – crossmediales Denken ist natürlich ein Selbstverständnis.

Wirklich ist, was online ist. Alles das, was auf der Festplatte oder sonst irgendwo gespeichert ist. Was auf Papier gedruckt ist. Was man mit Stift in sein Tagebuch schreibt. Was irgendjemand bestätigt. Was man seinen engsten Freunden erzählt. Wirklich wirklich vielleicht nur das, was man seinem Therapeutin erzählt. Wirklich wirklich wirklich vor allem auch das, was man nicht mal vor sich selbst zugibt. Die Wirklichkeit ist die Summe aller einzelnen flüchtigen Teile. Wirklich ist viel zu viel, als dass es jemals irgendjemand auch nur ansatzweise verstehen könnte. Verstehen im Sinne von in ein geordnetes terminologiertes System zu bringen. Und doch, wenn mich jemand dazu auffordern würde, dann könnte ich ein Modell meiner Realität schematisch darstellen, vorzugsweise mit einem Stift auf einem Blatt Papier, aber vermutlich hat auch schon irgendjemand eine App dazu programmiert. Ich könnte auch eine kurze verbale Zusammenfassung im klassischen Sinn geben. Dann müsste ich mir allerdings überlegen, wo ich anfange und wo ich aufhöre, wie ich den Aufbau dazwischen gestalte und was davon ich weglasse. Die Kunst liegt vor allem in Letzterem.

Die Kunst.

Die Kunst des Lebens besteht darin, zu akzeptieren, was man nicht ändern kann und zu ändern, was man ändern kann und möchte. Und vor allem darin, das eine vom anderen zu unterscheiden und letzteres herauszufinden. Die Kunst besteht darin, glücklich zu sein, das Hier und Jetzt zu spüren, obwohl sich das hier und jetzt ständig ändert. Die Dinge so wichtig wie nötig zu nehmen, aber niemals allzu wichtig. Die Kunst des Schreibens besteht darin, irgendeinen Teil dieses Prozesses in Worte zu fassen, die einen selbst erleichtern und andere ansprechen und inspirieren, wozu auch immer.

Literarisches fiktionales Schreiben heißt eine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte, die eine Wahrheit in sich birgt, wenn auch die Personen in dieser Geschichte und die Dinge, die sie erleben, alles andere als wahr und wirklich sind. Wobei das natürlich davon abhängt, wie man wahr und wirklich definiert. Wenn man nicht gerade Wissenschaftlerin ist, dann nimmt man es mit diesen Definitionen wohl nicht so genau. Wahr und wirklich ist, was man selbst für wahr und wirklich hält, und was mit dem kompatibel ist, was die anderen, mit denen man zu tun hat, für wahr und wirklich halten oder kurz gesagt, eben das, was in irgendeiner Form funktioniert.

In der Fiktion ist nichts wahr, hat nichts mit der Realität zu tun, die wir im Speziellen tatsächlich miteinander teilen. In der Fiktion hat die Urheberin derselben die alleinige Macht. Wenn es regnen soll, dann regnet es. Wenn es keine Schwerkraft gibt, dann gibt es keine Schwerkraft. Die Schwerkraft wurde abgeschafft. Die Heldin der Geschichte ist groß und dunkelhaarig. Weil ich es so will. Ganz einfach. (Oder vielleicht, weil ich selbst es in der Realität nicht bin :-)   ) Wenn die Heldin einen Helden trifft, dann hat es diesen genauso wenig jemals gegeben, wie die Heldin selbst. Wenn die beiden sich ineinander verlieben, dann nur, weil dies ein Thema ist, das mich interessiert und über das ich zu schreiben beschlossen habe.

Und doch bin ich dabei genauso wenig frei wie meine Figuren. Ich lege Wert darauf, dass meine Heldin kein müder Abklatsch meiner selbst ist. Ich lege Wert darauf, dass meine Helden nicht zu sehr den Männern gleichen, die ich im Laufe meines Lebens kennen gelernt habe. Ich lege Wert darauf, dass alle zusammen dennoch plausible Persönlichkeiten abgeben, und das vermutlich nur, weil ich noch zu sehr Sozialwissenschaftlerin und Hobbypsychologin bin und mich aufgrund dessen viel zu sehr einer deskriptiven Wahrheit verpflichtet fühle, die es in dieser Form in der Fiktion nicht braucht.

Was die Fiktion von der Wahrheit unterscheidet, die ich hiermit mit dem Leben an sich gleichsetzen möchte, ist ihre Beziehung zur Perfektion. Im geschätzt gleichen Ausmaß wie Perfektionismus der Feind des Lebens an sich ist, ist er der Freund der Fiktion. In der Fiktion können wir unser Bedürfnis nach abgeschlossenen, in sich geschlossenen, geordneten, auf den Punkt gebrachten Geschichten, über die wir die absolute Kontrolle haben, befriedigen. Etwas, woran man sich im realen Leben besser nicht versuchen sollte.

Daraus ergibt sich, dass die Fiktion ein bisschen braucht um perfekt ausformuliert und abgeschlossen zu werden. Ein bisschen länger als das tägliche Leben und doch wesentlich kürzer als ein Menschenleben. Und ein Blog -  um zum Ausgangsthema zurückzukehren -  ist irgendwo dazwischen. Nicht ganz real, nicht ganz Fiktion. (Auch wenn man versucht zu kategorisieren, is it on reality or is it pure fiction.)

Und dann, das war man ursprüngliches Problem, fällt es mir schwer, über meine Realität zu bloggen, wenn sie nicht im fernen China sich abspielt, sondern im guten alten Wien. Und wenn die Leute, die meinen Blog lesen, vielleicht selbst darin vorkommen WÜRDEN. Und die Fiktion, die Fiktion ist noch länger nicht fertig, denn die sollte halbwegs perfekt sein.

on reality?

January 11, 2013 | fieldnotes on reality | Permalink

Wahre Geschichten können nicht vorwärts erzählt werden, nur rückwärts. Wir erfinden sie aus dem Blickwinkel einer ständig sich verändernden Gegenwart und erzählen uns selbst, wie sie sich entwickelt haben.
Siri Hustvedt in die zitternde Frau (2011: 45f)

Ich frage eine English native ob es nun fieldnotes of oder fieldnotes on heißt. Die Frage beschäftigt mich schon länger und ich finde keine Antwort darauf.

Anthropologist go to the field and write fieldnotes on something. Ich hatte mal einen Blog mit dem Namen Chinese dreams and fieldnotes of my life.
Meine native speakerin ist sich auch nicht ganz sicher, aber sie meint, fieldnotes of my life ist korrekt, da es dabei um einen selbst geht. Bei fieldnotes on something geht es um etwas außerhalb eines selbst.

Ich freue mich sehr über diese einfache Erklärung und schreibe von nun an fieldnotes on reality, denn die Realität ist immer noch etwas außerhalb meiner selbst, selbst wenn ich darüber schreibe und sie in meinen eigenen Worten und meiner eigenen Sichtweise darstelle und sie damit schwer personalisiere.

Auch wenn man den externen Realismus nicht in Frage stellt, bleibt es kompliziert genug…

Was können wir wissen?
Was sollen wir tun?
Und was dürfen wir hoffen?
Und wieso riecht es in meiner Küche auf einmal so seltsam?
Was ist das und wie kriege ich das wieder weg?

 

 

 

Die letzte laute Nacht

December 31, 2012 | fieldnotes on reality | Permalink

Mit Dank und Freude blicke ich zurück auf das vergangene Jahr. Ich danke für all die wundervollen Erfahrungen, die ich machen durfte.
Ich danke für jeden Tag, an dem ich gesund und zufrieden war; für jeden Tag, an dem ich zu essen und zu trinken hatte.
Ich danke für die Tage und Nächte mit Freunden und Verwandten und für deren Präsenz und Bereitschaft, ihre Zeit mit mir zu teilen.
Aus der Fülle dieser Gedanken und dem Reichtum meines Dankes richtet sich mein Augenmerk auf das kommenden Jahr.
Aus dem Bewusstsein heraus, dass sich alles zu meinem Besten gestalten wird, weil ich weiß, dass für mich gesorgt ist, weil ich weiß, dass meine positiven Gedanken meine Welt noch schöner und reicher gestalten werden, spüre ich bereits jetzt das Glück, das mich durchdringt.

Oder so ähnlich ;-)
Aber wer Weihnachten ausfallen lassen kann, kann auch Silvester ausfallen lassen, oder?