Vor einigen Monaten hörte ich auf einer Party zu später Stunde einige Lieder, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der Band Tocotronic hatten, die ich früher ziemlich gern und oft gehört hatte. „Ist das Tocotronic? Haben die etwa ein neues Album?“ Noch nicht, aber durch einen speziellen DJ kamen wir jetzt schon in den Genuss. Wobei ich mich fragte, ob es an mir lag oder an Tocotronic oder generell am Alter und der fortgeschrittenen Stunde, dass ich es nicht besonders prickelnd fand. Eigentlich sagte einem die pure Vernunft, dass man nach drei Uhr früh nur mehr wirklich fetzige Musik auflegen sollte, wenn man über 30-Jährige zum Tanzen bringen oder zumindest wach halten möchte. Aber pure Vernunft wird niemals siegen, schon gar nicht im Kontext von Sex, Drugs & Rock’n’Roll.
- was folgt ist keine Album- oder Konzertkritik -
Und so sage ich ja, als mich Monate später ein alter Bekannter fragt, ob ich Karten für das Tocotronic – Konzert im Wiener Burgtheater haben möchte. Selbiges war angeblich eine Stunde nach Verkaufsbeginn ausverkauft, schließlich handelt es sich bei Tocotronic um eine sogenannte Kultband und die ständigen Ankündigungen im Radio, von denen bei mir vor allem die Worte „einziges Konzert“ hängen geblieben waren (tatsächlich handelt es sich um das einzige Konzert Tocotronics im Burgtheater, na sowas! ), hatten auch in lasch gewordenen Musik- und Tocotronic Fans wie mir den leisen Wunsch gehegt, dabeizusein.
Wünsche erfüllen sich immer wieder, wenn man es wirklich will, habe ich gelernt und so sage ich also ja, lasse alles andere stehen und liegen und fahre ins Burgtheater. Zu meinem Glück begleitet mich meine Freundin special k.
Und dort stehen sie, die Tocotronic Fans, noch immer eindeutig als solche erkennbar. Da stehen sie, meine ehemaligen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, meine alten Bekannten und Freunde, die Lieben meiner Jugend, da trifft man seine tatsächlichen und potentiellen Ex-Freunde und ehemaligen Liebhaber und fühlt sich für einen kurzen Moment zurückversetzt in die Zeit, als man sich Gedanken darüber machte, was die Leute über einen dachten und es gar nicht so einfach war eine Konversation zu führen.
( Mein Exfreund geht vorüber, als ich gerade mit dem Typen rede, der ihm nachgefolgt ist. Wir nicken uns nur zu. „Dein Ex, redet ihr gar nicht mehr miteinander?“ fragt mich der damalige Nachfolger. „Nein, eigentlich nicht.“ – „Aber ihr habt euch doch gut miteinander verstanden.“ – „Ja, damals schon.“ )
Man fühlt sich zurückversetzt in die Zeit als all diese Dinge noch so verdammt wichtig waren, als man so viel fühlte und so wenig davon ausdrücken konnte und es daher gerne einer Band wie Tocotronic überließ. Im Blick zurück entstehen die Dinge…
Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie mit Anfang zwanzig zwischen all den Jungs mit ihren großen sehnsüchtigen Augen, sehnsüchtig und verloren sehen sie aus und darauf bedacht, es nicht allzu offensichtlich zu zeigen. Zum Glück geht mich das mittlerweile nichts mehr an, fühle ich mich dafür mittlerweile nicht mehr zuständig und schon gar nicht mehr davon angezogen, sind das Dinge, deren Dringlichkeit mir in der letzten Zeit mehr als fragwürdig erscheint.
Ich navigiere durch das Meer der tocotronic boys und girls, zu dem Mann, der uns unsere Karten zu einem außerordentlich hohen Preis verkauft. Aber darüber darf man nicht nachdenken, wenn man die Entscheidung dabeizusein bereits getroffen hat. Dafür bekommt man auch einen Platz in der Loge der Galerie des Burgtheaters und kann sich mit freiem Blick auf die Bühne und das Publikum erheben und ein bisschen mit den Hüften wippen und mit den Füßen tänzeln und mit den Armen schwingen und den Kopf bangen und sogar mehr oder weniger laut mitsingen, sofern man den Text noch weiß. Dazwischen kann man sich fragen, was die Faszination dieser Band eigentlich ausmacht oder wie es gewissen anderen Leuten im Publikum bei einem Lied wie Ich will nüchtern für dich bleiben gehen mag.
Ich will nüchtern für dich sein
Um Dämonen zu vertreiben
Will ich für dich nüchtern bleiben
Ich will mich für dich reparieren
Meine Heilung inszenieren
Meine Spleen clean erleben
Ich will high sein und doch auf dem Boden kleben.
Kannst du mich nicht fallen sehen?
Kannst du mich nicht fallen sehen?
Kannst du mich nicht fallen sehen?
Kannst du mir verzeihen?
singt Dirk von L. und schwingt seine Gitarre und ich werde ein bisschen wehmütig, weil ich immer ein bisschen wehmütig werde, wenn schöne Männer ihre Gitarren schwingen und vor allem weil das Märchen der Rettung einer verlorenen Seele durch oder für einen anderen nur ein Märchen ist, weil niemals jemand nüchtern geblieben war für mich, weil niemand es jemals auch nur gewollte hatte. Ich habe euch fallen sehen, fallen sehen, fallen sehen, das auf jeden Fall und ja, ich verzeihe euch, aber ihr seid allein, ich bin raus und ich bin mehr als stolz darauf.
Ich tanze nüchtern, mit meiner special k im Burgtheater in der Loge während die meisten der Toco boys and girls brav auf ihren Stühlen sitzen und höchstens ein bisschen mit den Füßen und Händen wippen und das Geschehen auf der Bühne mit ihren iPhones aufnehmen. Vollkommen nüchtern gerate ich bei den getragenen Gitarrenriffs und dem monotonen Gesang in eine Art Trance und mit den alten und neuen Hymnen der verlorenen Jugend in eine Art High. Diese Männer auf der Bühne, die aussehen, als wären sie für immer zwanzig, dieses Jungenhafte, niemals Erwachsene, das dezente aber unübersehbare Pathos, die leidenschaftliche Selbstinszenierung, all das mag ich, ja, aber hier leben? In der Welt des ewigen Konjunktivs, der nie endenden und zu keinem nennenswerten Punkt kommenden Schachtelsätze, der Redundanz, der Monotonie, der ewigen Suche, des Zweifels, der nie eingelösten und irgendwann aufgegebenen Hoffnungen, der nie umgesetzten Ideen, der Niedergeschlagenheit, der Resignation, der Depression als normalem Gemütszustand, des gemeinsam zelebrierten Nihilismus als Beziehungsform?
Äääh, nein danke.
Dennoch, let there be rock, immer wieder mal gerne.
Rockmusik macht mich immer noch high und ich frage mich, ob ich vor die Bühne gelaufen wäre, wenn ich unten gesessen wäre. Das kann man nämlich leicht von sich behaupten, wenn man im Schutz der Loge abtanzt. Und es ist auch nicht besonders schwer beispielsweise bei einem Tribute to Queen in der Stadthalle, wo ein Großteil der Leute der Aufforderung zum Aufstehen und Tanzen folgte. Freddy Mercury ist zwar tot, aber seine Musik, sein Imitator und seine Fans sind um einiges lebendiger als das Publikum im Burgtheater. Erst als es um die Zugabe geht, wachen und stehen sie auf, klatschen, johlen und pfeifen und ich johle auch so laut ich kann und tanze noch ein wenig und freue mich und nachdem alles vorbei ist, gibt es auch noch Freibier und DJs im Burgtheater und Menschen, mit denen man so leicht ins Gespräch kommen kann, wie man es früher niemals für möglich gehalten hätte.
Denn früher hatte man gewartet, bis die toco boys, die trotz all ihrer Coolness offensichtlich an einem interessiert sind, ihre hübschen Münder aufmachen und war selbst zu cool und schüchtern um es zu tun. „Und wie hats euch gefallen? Und welche Musik hörst du sonst so? Und wo geht ihr sonst so aus? Und was macht ihr sonst so?“ Erinnert mich irgendwie an meine sehr frühe Jugend, wo man außer dem Besuch von Rockkonzerten sonst nicht so viel machte. (Der Unterschied zu den Konversationen im Rahmen meiner derzeitigen Recherchetätigkeit liegt übrigens lediglich im Wörtchen „sonst“.)
Was ich sonst so mache, ist wieder eine andere Geschichte, aber es finden sich sicherlich auch heute noch ein paar Zeilen von Tocotronic, die das ganz gut ausdrücken. Immerhin wurden die Zeilen und Reime immer diffuser, metaphorischer und können somit alles bedeuten. Alles und nichts.
Meinetwegen kann alles hier in Flammen stehen.
Als ich einige Tage später im Thermalbecken liege, auf einem sprudelnden mich massierenden Wasserbett und in den dunklen Sternenhimmel blicke, aus dem sich weiße Schneeflocken ergießen und der Wind den aufsteigenden Wasserdampf mal in die eine und mal in die andere Richtung verweht und ich mir alles wünschen und nichts erwarten kann, fühle ich mich wahrlich reich beschenkt und glücklich wie nie zu vor und ich bin froh darüber, dass ich nicht mehr in Seattle bin und ja, ich habe sogar das Gefühl, dass die Welt endlich bereit ist. Und als ich auf der Autobahn in das graue Wien zurückkehre, kann ich die Leiden des jungen Dirk zwar verstehen – schließlich habe ich mir als Jugendliche auch gewünscht, ich würde mich für Tennis interessieren und es einfach nicht geschafft und dafür alles gehasst, – aber ich komme nicht umhin, mittlerweile herzhaft über das alles zu lachen.
Zu lachen über Dirk, der sagt, er wollte eigentlich Schauspieler in Graz werden und über meine blühende Fantasie, die ihn als Grazer Schauspieler mit meinen theateraffinen Grazer Freundinnen verkuppelt. Über mich selbst, wie ich ihn vor langer lange Zeit, als er riesengroß im Hof der Wiener Arena vor mir stand, darum bat, am darauffolgenden Tag beim Konzert in Graz einer Freundin alles Gute zum Geburtstag zu wünschen und über meine Aufregung, als mir Jans Schweiß bei einem Konzert ins Auge spritze. Über meine männlichen Tocotronic Freunde, die ihre Nasen über mein uncooles Fantum rümpften und über die Tocotronic Feinde, die ihre Nasen über alle Tocotronic Fans rümpften. Darüber, wie meine Mutter schon immer über Tocotronic sagte “so ein fades Gsangl” oder darüber, wie special k die Stimmung zusammenfasst “Servas, griaß di, geh ham und daschiaß di.”
Nein, wir erschießen uns nicht, wir resignieren nicht, wir werden erwachsen und lachen. Und wenn wir lachen, dann geht die Sonne auf. Eine reicht. Und wenn wir uns sehen, dann kann und wird die Welt manchmal durchaus in Flammen stehen.
… in Flammen, in Flammen, in Flammen, in Flammen …..